Der Badebecher von Auguste Viktoria

Stadtmuseum: Mit geladenen Gästen feiert das „Sam“ im Marktkeller Eröffnung / Facetten der Stadtgeschichte

10. September 2016, Wiesbadener Kurier (Birgit Emnet)

Im neuen Museum: OB Sven Gerich, Kulturdezernentin Rose-Lore Scholz und Museumsleiter Bernd Blisch (v.r.n.l.). Foto: wita / Paul Müller

Wiesbaden. Ein steinzeitlicher Nasenkratzer, die Wetterfahne des historischen Uhrturms, eine Colaflasche aus den 50ern oder der Badebecher der hier zur Kur weilenden Kaiserin Auguste Viktoria: Die Exponate des am Sonntag neu eröffnenden „Sam – Stadtmuseum am Markt“ sind so vielfältig wie die Stadtgeschichte selbst. Manch Überraschendes und Staunenswertes – etwa die gewaltige Stadtkasse des späten Mittelalters, die mancher Stadtpolitiker von heute gerne prall gefüllt zur Verfügung hätte – auch manches Vertraute der jüngeren Geschichte, so das kultige Emblem der Westend-Kneipe Bumerang, die Roulette-Leuchtschrift der Spielbank, Reste der abgebrochenen Michelsberg-Hochbrücke oder der von Spielern des SV Wehen Wiesbaden signierte Ball des Eröffnungsspiels in der Brita-Arena.

Museumsdirektor Bernd Blisch ist zufrieden mit der Lösung, im historischen Marktkeller im Herzen der Stadt eine Heimat für wenigstens einen Bruchteil der gewaltigen Sammlung – 500 000 Exponate lagern in den Depots oder sind Leihgaben in über 40 Museen europaweit– präsentieren zu können. Schön sei es, nach dem provisorischen Zustand des „Schaufenster Stadtmuseum“ nun Programme auflegen zu können und thematisch vorauszuplanen, so Blisch. „Ich wünsche mir, dass hieraus etwas erwächst, was in vielleicht zehn Jahren den Wunsch nach etwas noch Größerem erweckt.“

Die „starke Architektur“ (Blisch) des historischen Marktkellers prägt das Konzept. Man wollte keineswegs Wände einziehen, sondern das Ambiente wirken lassen. In zwölf Modulen präsentiert sich die Wiesbadener Geschichte chronologisch. „Wiesbadener Lieblingsstücke“ mit jeweils einem Paten sind den Themenblöcken zugeordnet. So schwärmt der Vorsitzende des Igstadter Heimat- und Geschichtsvereins, Michael Weidenfeller, im persönlich gefärbten Videobeitrag von den Eiszeitfunden in seinem Stadtteil, Handwerksmeister Theo Baumstark erinnert sich an seine Hochzeit im Alten Rathaus und Gerdi Laurent von der Aids-Hilfe berichtet zum ausgestellten blauen Sparschwein über die Spendensammlung beim Aidsball im Kurhaus.

Von Funden aus der Zeit 40.000 v. Chr. über die Römerzeit, die „Entdeckung“ Wiesbadens als Badeort „Aquae Mattiacorum“, die erste Erwähnung „Wisibada“ anno 829 durch den Biografen Karls des Großen, Einhard, das ausgehende Mittelalter mit Stadtmodellen und Originalwappen des Alten Rathauses, Nassauer Zeit, Kaiserzeit, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Widerstand, Nachkriegszeit und Aufbau bis zur Gegenwart: Immer wieder stößt man auf behutsam restaurierte „Lieblingsstücke“, ob der Nassauer Ofen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, gestiftet von der Familie Müller-Schellenberg, oder die exotisch-bunte Turmspitze des legendären Café Orient, das 1964 abgerissen wurde. Die Film- und Fernsehstadt Wiesbaden repräsentiert die Original-Armbrust aus der Sendung „Der Goldene Schuss“ aus den Rhein-Main-Hallen, vereitelten Stadtplaner-Irrsinn das Modell von Professor Ernst May für die – dann zuvor abgerissene – City-Ost.

Bei der Objektauswahl standen die Themen „Wiesbaden als Badestadt“ sowie „Wiesbaden als politisches Zentrum“ im Mittelpunkt. Drei Zeichen (Icons) dienen dabei als Orientierung: die Welle für Wasser, die Krone für Herrschaft und das Auge für Religion. Eine Kinderausstellung „Die spinnen, die Mattiaker“ mit Playmobilfiguren in historischen Spielwelten ist ebenso zu finden wie eine „Schatzkammer“-Ecke zur „Sammlung Nassauischer Altertümer“.

Und am Ende stößt der Besucher auf eine Datenbank mit vielen bunten Bildern: Hier kann man sein eigenes Lieblingsstück aus der Sammlung wählen. Die beliebtesten Exponate werden dann abwechselnd in die Ausstellung integriert.

Vor 800 Gästen wurde am Freitagabend die Eröffnung gefeiert. OB Sven Gerich hofft auf „Stärkung städtischer Identität und des Wir-Gefühls“ durch das „Sam“, das „kein Ersatz für den geplanten Neubau“ sei, sondern „etwas Anderes“. Kulturdezernentin Rose-Lore Scholz erinnerte daran, dass es sich hier um die erste „feste Ausstellung“ von Wiesbadener Stadtgeschichte handele. Und Staatssekretär Ingmar Jung, der den Landeszuschuss von jährlich 95 000 Euro weiterhin zusicherte, gab der Hoffnung Ausdruck, dass die Wiesbadener eines Tages zum Entschluss kämen, dass ein Stadtmuseum „über die Erde gehört, nicht darunter“.