Ganz aus dem Gedächtnis gezeichnet

Senioren der Lebensabendbewegung erwecken das Café Orient künstlerisch zu neuem Leben

10. März 2005, Wiesbadener Tagblatt (Bertram Heide),
ebenfalls erschienen als Senioren erwecken das Café Orient, 13. März 2005, Wiesbadener Kurier

Wer in der hessischen Landeshauptstadt jung geblieben ist, dem erschließen sich auch kreative Räume. Das spürten fünf Seniorinnen in der Altentagesstätte der Lebensabend-Bewegung (LAB) an der Karlstraße recht schnell. „LAB“ steht für sie für die Worte „Leben Aktiv bereichern“.

Die fünf Damen wurden nach ihren Erinnerungen an das „Café Orient“ Unter den Eichen in Wiesbaden gefragt, und schnell entstanden vor dem geistigen Auge Bilder des ehemaligen Ausflugs-Lokals, in dem man sich bis zum Abriss 1964 auch noch zum Tanzen treffen konnte.

Den Anstoß, die eigenen Erinnerungen an diese einstige Wiesbadener Sehenswürdigkeit mit Pinsel und Farbe auf Papier zu bringen, gaben die Nachforschungen von Bernd Richefort, einem Enkel des ehemaligen Pächters und Besitzers. Richefort bemüht sich seit Jahren darum, diesen Teil der Wiesbadener Stadtgeschichte zu dokumentieren und interessierten Menschen wieder sichtbar und erlebbar zu machen.  Die Ergebnisse seiner Bemühungen will er (wie bereits berichtet) später dem Wiesbadener Stadtmuseum zur Verfügung stellen, das sich derzeit noch im Aufbau befindet.

Die Seniorinnen an der Karlstraße machten sich jedenfalls mit ihrem Kursleiter, dem Künstler Gudo Knabjohann, frisch ans Werk und malten das vor mehr als 40 Jahren abgerissene Gebäude zunächst einmal jede für sich selbst und nach den eigenen Vorstellungen. Das „Café Orient“ entwickelte sich zum einem labyrinthischen Traumgebäude ihrer Erlebnisse in und um eine auch für die damalige Zeit zwischen der Jahrhundertwende und dem zweiten Weltkrieg ungewöhnlichen Architektur.

Jetzt gingen die Hobby-Künstlerinnen noch einen Schritt weiter. Die individuellen Malereien wurden zu einem Kunstwerk zusammengefasst. So entstand eine spannende Aquarell-Collage in leuchtenden Farben  Ergebnis eines gemeinsamen Rückblicks auf längst vergangene Zeiten.

Für Bernd Richefort bieten die LAB und vor allem die alten Damen mit ihren Erinnerungen die große Chance, das „Café Orient“ und seine Geschichte wieder ins Bewusstsein der Menschen im heutigen Wiesbaden rücken zu lassen. „Ich betreibe nicht nur Geschichtsforschung, ich will Geschichte wieder aufleben lassen“, sagt Bernd Richefort.

Die Malgruppe Gudo Knabjohanns trifft sich übrigens montags und donnerstags jeweils ab 11.30 Uhr in der LAB-Begegnungsstätte an der Karlstraße. Und nachdem das „Tagblatt“ im September über die Suche Bernd Richeforts nach Exponaten aus der Zeit des „Café Orient“ berichtet hatte, meldete sich die Witwe des letzten Besitzers Ferdinand Sperger; die heute 98-Jährige lebt inzwischen in den USA und freut sich darüber, dass das Interesse an einem wichtigen Teil ihrer eigenen Familiengeschichte in Wiesbaden bisher nicht in Vergessenheit gerät.

Spurensuche

  • Bernd Richefort ist auf der Suche nach einem Foto von Alfred Georgi, dem Hofkoch des deutschen Kaisers, der am 18. März 1835 in Weimar geboren wurde und am 24. Juli 1914 in Wiesbaden starb. Alfred Georgi wohnte zuletzt im Haus Drudenstraße 1.
  • Gesucht wird auch nach einem Foto von Karl Dormann, der als Architekt das Café am Waldrand über der Stadt entworfen hat.
  • Wer Bernd Richefort helfen kann, sollte sich unter 0611/400119 bei ihm melden.
  • Inzwischen gibt es auch zwei neue Postkarten des Cafés, die bei den Antiquariaten Lang, Rinnelt und am Bäckerbrunnen, in den Buchhandlungen Angermann, Götz, Wiederspahn und in der „Büchergilde Gutenberg“ am Bismarckring erworben werden können. Karten gibt es auch im „Café Kuckucksnest“ im Vier-Jahreszeiten am Kaiser-Friedrich-Platz.
  • Wer sich über die Sehenswürdigkeit „Café Orient“ informieren will, kann das unter www.cafe-orient.de.