„Café Orient“ wird wieder aufgebaut

Allerdings nur in einer Modellwerkstatt in Thüringen / Haus mit wechselvoller Geschichte

12. Februar 2003, Wiesbadener Tagblatt (Peter Scheffler)

Ganze Arbeit leisten die Modellbauer aus Thüringen bei der Anfertigung des „Café Orient“. Sie können dabei auf die Original-Baupläne zurückgreifen.

In einer Modellbau-Werkstatt im thüringischen Ruhla wächst gegenwärtig ein exotisches Gebäude in der Höhe, das mit Thüringen so wenig zu tun hat, wie der Harzer Roller mit einem Käse. Die Rede ist vom ehemaligen „Café Orient“, das im April 1964 bedauerlicherweise der Spitzhacke zum Opfer fiel. Ein Nachkomme der ehemaligen Besitzer, Bernd Richefort, ist Auftraggeber für das Modell, das ihn nach seiner Fertigstellung rund 15.000 Euro kosten wird. Das ist allerdings ein Pappenstiel im Vergleich zu den Kosten, die Alfred Georgi, einstiger Hofkoch von Kaiser-Wilhelm II., als Bauherr für das um die Jahrhundertwende Unter den Eichen im maurischen Stil errichtete Gebäude hinblättern musste.

Als Georgi am 20. März 1900 zum Einweihungsessen in das von dem in Wiesbaden sehr bekannten Architekt Carl Dormann errichtete Kaffeehaus einlädt, ahnt er nicht, dass sein (verwirklichter) Traum bald zum Albtraum wird. Obwohl die maurische Fassade mit ihren gezackten Arkaden in Form von Hufeisen und Eselsrücken, drei moscheenartigen Kuppeltürmen, blau unterlegten orientalischen Verzierungen mit gestreiften Verklinkerungen und aufwändigen Stalaktitgesimsen, Besucher en masse anzieht, ist Georgi nicht in der Lage, die 180.000 Mark Hypothekenschuld, die auf dem Grundstück lastet, zurückzuzahlen.

Bereits im Dezember 1901 geht das Gebäude in den Besitz des aus Nürnberg kommenden Christian Schnorr über, der sich ebenfalls finanziell übernommen hat. Drei Jahre später steht ein erneuter Besitzwechsel ins Haus: der Konditor Karl Berges zieht in das exotische Gebäude ein. Doch auch ihm wachsen schließlich die Schulden über den Kopf, nicht zuletzt auch wegen des Ersten Weltkrieges. Als ihn schließlich auch noch seine Frau verlässt, verkauft er das Café „samt Wirtsgarten und Pissoir“ für 150.000 Mark an den aus dem Elsass stammenden Hotelfachmann Georges Richefort, der schon vor ihm das Kaffeehaus gepachtet hatte.

Unter seiner Ägide erlebt das „Orient“ eine neue Blüte, nicht zuletzt auch durch die französische Besatzung, die gerne und oft sein Etablissement aufsucht. Rauschende Feste und Bälle werden hier gefeiert und Richefort denkt sogar an die Errichtung eines zusätzlichen Ball-Saals für sage und schreibe 1000 Personen! Doch auch Richefort verlässt das Glück. Immer mehr Gäste bleiben weg und schließlich bricht auch ihm die Weltwirtschaftskrise endgültig das Genick. Im November 1929 muss er Konkurs anmelden.

70.000 Mark zahlt der neue Eigentümer Gustav Düllberg für das vorübergehend geschlossene Anwesen. Doch die Zeiten sind schlecht und Düllberg hat schließlich auch nicht mehr genügend Geld, um die dringend notwendige Sanierung des Hauses in Angriff zu nehmen.

Der weitere Niedergang des Hauses beginnt nach dem Zweiten Weltkrieg. Inzwischen in den Besitz eines Handwerksmeisters übergegangen, wird der Restaurationsbetrieb verkleinert und der Rest des Gebäudes vermietet. Als der Besitzer stirbt, verkaufen seine Erben das Gebäude an einer Grundstücksgesellschaft, die dort ein Hochhaus mit Wohnungen errichten lässt.

Geblieben sind von dem beliebten Treffpunkt der Wiesbadener Gesellschaft nur ein paar Relikte. Der heute in Lorch wohnende Bernd Richefort hat es sich zur Aufgabe gemacht, die wenigen verbliebenen Erinnerungsstücke an das traditionsreiche Haus zu sammeln und zu bewahren und auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

So hat er bereits im vergangenen Jahr eine kleine Postkartenserie über das Café Orient auflegen lassen, die in diesem Jahr eine Fortsetzung erfahren soll. Und natürlich soll auch das Modell nicht im stillen Kämmerlein verschwinden, sondern an geeigneter Stelle in der Stadt einmal der Öffentlichkeit zeigen, welcher Frevel es war, dieses Haus abreißen zu lassen.